Mind

Das sagen EEG und MRT
Wie Meditation das Gehirn verändert

Text: Dr. Janna Scharfenberg | Foto (Header): © VAlex – stock.adobe.com

Meditation ist Teil von Entspannungsübungen oder dem Yoga-Training. Während das Meditieren früher allein der religiösen Praxis vorbehalten war, ist es heutzutage weltweit „in Mode“ gekommen. Es wird nicht nur in den verschiedensten Fitnesskursen praktiziert, sondern auch in vielen Bereichen als Behandlungsmethode eingesetzt. Meditieren wird in der Hirnforschung als „mentales Training“ bezeichnet. Während man mit körperlichen Übungen die Muskulatur stärkt, schult man mit dem mentalen Training den Geist. Positives Denken, Kreativität, Kraft und inneres Gleichgewicht gelten als „Folgen“ des regelmäßigen Meditierens und viele Menschen, die über einen längeren Zeitraum Meditationsübungen durchführen, berichten von den zahlreichen positiven Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die durch die Veränderungen in den Denkstrukturen zustande kommen. Doch sind diese Veränderungen auch messbar? Und welche Areale des Gehirns werden bei den Meditationsübungen trainiert?

Auszug aus:

BODY PIONEER
Ausgabe 1.2020
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Was ist Meditation?

Meditationsübungen dienen nicht nur dem Zur-Ruhe-Kommen und als Entspannungsübung. Beim Meditieren wird die Aufmerksamkeit bewusst auf eine bestimmte Sache gelenkt, wie beispielsweise auf das tiefe Ein- und Ausatmen und die damit verbundene Empfindung. Die Selbstwahrnehmung wird trainiert und verbessert. Negative Gedanken oder Emotionen sollen ausgeschaltet werden. Aus diesem Grund werden Meditationsübungen heutzutage häufig eingesetzt, um dem Alltagsstress zu entgehen und eine innere Ausgeglichenheit zu erreichen. Im ursprünglichen Sinn soll mit dem Meditieren ein höherer Bewusstseinszustand erzielt werden, der frei von jeglichen Gedanken und Emotionen ist. Die Fokussierung des Geistes muss jedoch trainiert werden. Zehn bis fünfzehn Minuten Training täglich über einen Zeitraum von mehreren Monaten sind nötig, um eine dauerhafte Änderung des Bewusstseins herbeizuführen. Die Veränderung der Wahrnehmung während tiefer Meditationszustände beeinflusst das Nervensystem, was mit wissenschaftlichen Methoden dargestellt und belegt werden kann.

Einfluss des Meditierens auf das Nervensystem

Die Forschung belegt es: Meditationsübungen haben Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem (ZNS). Regelmäßiges mentales Training fördert die Konzentrationsleistung. Im Alltag zeigt sich das in einer erhöhten Aufmerksamkeit, mehr Achtsamkeit und der Fähigkeit, stressige Situationen besser zu meistern. Eine Studie aus dem Jahr 2007, die an der Universität von Wisconsin durchgeführt wurde, zeigte, dass schon nach einem dreimonatigen Meditationstraining die geistige Präsenz gesteigert ist. Mit einem Test, bei dem die Studienteilnehmer auf einem Bildschirm Zahlen zwischen einer Reihe von Buchstaben erkennen mussten, konnte eine Verbesserung nach dem Training erzielt werden. Dass Meditationsübungen die mentalen Fähigkeiten verbessern, steht bereits fest. Die Forschung konzentriert sich mittlerweile darauf, die Veränderungen mittels Elektroenzephalografie (EEG)- oder Magnetresonanztomografie (MRT)-Messungen zu beobachten und nachzuweisen und Unterschiede zwischen verschiedenen Meditationsmethoden zu demonstrieren.

Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem (VNS), das Teil des zentralen und peripheren Nervensystems ist, resultieren aus der Tiefenentspannung des Körpers. Das bewusste Zur-Ruhe-Kommen während des Meditationstrainings führt zu einer verminderten Ausschüttung von Stresshormonen. Je tiefer der Körper in diesen Entspannungszustand überführt wird, desto deutlicher zeigt sich die Antwort des vegetativen Nervensystems: Es reagiert mit einer verringerten Aktivität. Das VNS steuert eine Vielzahl wichtiger Stoffwechselprozesse und Körperfunktionen, wie beispielsweise die Atmung oder die Verdauung. Aus der Beobachtung tiefer Meditationszustände ist bekannt, dass diese Prozesse auf ein Minimum reduziert werden können.

 

Welche Gehirnareale sind trainierbar?

Durch Meditationstechniken werden definierte Areale des Gehirns beeinflusst. Forscher der Harvard Medical School identifizierten zum Beispiel eine Region hinter dem Frontallappen des Gehirns, der als anteriorer cingulärer Cortex (ACC) bezeichnet wird. Diese Region nimmt Einfluss auf die Selbstregulationsmechanismen des Körpers. Durch die Aktivierung des Areals können Verhaltensweisen bewusst angepasst und Reflexverhalten unterdrückt werden. Schädigungen der Region werden mit Aggressivität und der Neigung zu impulsivem Verhalten in Verbindung gebracht. Eine Stärkung dieses Areals durch das mentale Training ist nachgewiesen und Menschen mit Meditationserfahrungen und einer aktiven ACC-Region scheinen eine höhere Fähigkeit zu besitzen, sich flexibel an Veränderungen in ihrem Umfeld anzupassen.

Als zweite Hirnregion, die durch Meditationsübungen veränderbar ist, wird der Hippocampus genannt. Bei Patienten mit psychischen Erkrankungen oder bei Menschen, die psychischen Belastungen ausgesetzt sind, konnten Veränderungen der Hippocampusregion festgestellt werden, da diese Region besonders anfällig für Stresshormone ist. Wer durch eine regelmäßige Meditationspraxis die Stresshormonausschüttung reduziert, stärkt oder regeneriert in der Folge auch die Hippocampusregion. Stressige Situationen, von denen vor allem im Berufsalltag mittlerweile viele Menschen betroffen sind, können wieder besser bewältigt werden.

Neben diesen beiden Hirnregionen, die bestimmten Verhaltensmustern zugewiesen werden konnten und die nachgewiesenermaßen durch Meditationsübungen beeinflusst werden können, gibt es noch weitere Regionen, die Veränderungen zeigen. Insgesamt werden diese Hirnareale unter anderem für eine bessere Schmerztoleranz, ein verbessertes Körperbewusstsein, diffizilere Denkprozesse und bewusstere Emotionen verantwortlich gemacht. Weitere Studien sind jedoch nötig, um diese Effekte definitiven Hirnregionen zuzuordnen, und deren Auswirkungen auf die biochemischen Prozesse des Körpers zu identifizieren.

Die Ergebnisse vieler Langzeitstudien basieren auf MRT-Messungen. Es wurde gezeigt, dass bei einer täglichen Trainingsdauer von 45 Minuten schon nach acht Wochen eine Veränderung in der Hippocampus-Region stattfindet. Gesehen wurde eine Verdichtung der grauen Substanz, was mit einer Verbesserung der Konnektivität von Nervenbahnen und damit mit einer Verbesserung der Nervenleistung einhergeht. Grundlage dieser Schlussfolgerungen ist das Wissen, dass bei hohen Stressbelastungen und einem damit verbundenen hohen Cortisolspiegel die Dichte der grauen Substanz sinkt und Gehirnareale sogar geschädigt werden können.

Eine weitere Methode zur Messung von Gehirnaktivitäten ist das EEG. Schon in den 1950er Jahren wurden in Japan und Indien EEG-Messungen an meditationserfahrenen Menschen durchgeführt. Das EEG registriert die „Gehirnströme“ in Form von Potenzialveränderungen. Die Aktivität der Hirnzellen wird abgeleitet und grafisch dokumentiert. Gehirnströme werden je nach ihrer Frequenz in unterschiedliche Kategorien eingeteilt und als Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- oder Theta-Wellen bezeichnet. Je nach Aktivitätszustand dominieren bestimmte Frequenzen. Bei Aufgaben, die eine hohe Konzentration erfordern, oder bei Lernprozessen sind beispielsweise vorwiegend Gamma-Wellen messbar, während Delta-Wellen vorwiegend in traumlosen Tiefschlafphasen vorkommen. Es konnte gezeigt werden, dass es während Meditationsübungen zu einer Zunahme der Alpha-Wellen kommt. Zudem wird vor allem bei Langzeitpraktizierenden eine hohe Kohärenz (Gleichförmigkeit) der Wellen beobachtet, die mit einem tieferen Entspannungszustand einhergeht. In sehr tiefen Meditationsphasen konnten erfahrene Meditierende sogar Theta-Wellen-Aktivität erreichen. Die Erhöhung von Alpha- und Theta-Wellen-Aktivität soll mit einem veränderten Bewusstseinszustand in Zusammenhang stehen, der sich förderlich auf Kreativität und Aufnahmefähigkeit auswirkt. Doch selbst bei Meditationsanfängern ist zumindest eine Reduktion der Gamma-Aktivität messbar.

 

Wie lassen sich die Erkenntnisse in den Alltag integrieren?

Während es bei traditionellen Meditationsmethoden darum geht, einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen, der losgelöst von jeglichem Denken und Fühlen existiert, geht es bei der Integration von Meditationsübungen in eine therapeutische Behandlung darum, das Denken und Fühlen bewusst zu lenken. Negative Gedanken und Emotionen, zum Beispiel bei Angstzuständen, sollen in positive umgewandelt werden. Festgefahrene und mitunter schädliche Verhaltensweisen können erkannt und bewusst vermieden werden. Regelmäßiges Meditieren hilft aber nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Angstzuständen oder Depressionen, sondern jedem, der eine achtsamere und bewusstere Lebensweise zum Ziel hat. Die Erkenntnis, dass das Gehirn ein Leben lang veränderbar bleibt, lässt die Hoffnung zu, dass mit einem regelmäßigen mentalen Training und der damit verbundenen bewussten Beeinflussung von Körperprozessen, Krankheiten geheilt werden können.

Meditationsübungen lassen sich hervorragend in den Alltag integrieren. Sind die Grundlagen erst einmal erlernt worden und hat sich der Körper darauf eingestellt, können die Atem- und Entspannungstechniken praktisch überall angewandt werden. Eine Änderung der Gehirnaktivität, wie sie beim Meditieren auftritt, verändert auch die Biochemie des Körpers. Wurde dies durch eine regelmäßige Meditationspraxis trainiert, werden die Reaktionen bei jeder neuen Meditationsanwendung wieder aktiviert. So ist es möglich, auch in einem stressigen Alltag schnell innere Ruhe zu generieren, die Cortisol-Ausschüttung zu reduzieren und Situationen entspannter anzugehen.

Über den Autor:

Dr. Janna Scharfenberg, Ärztin mit Schwerpunkt auf ayurvedische Medizin, Prävention und Ernährung: Ihr präventives Gesundheitsangebot hilft durch einen einzigartigen Mix aus Ayurveda, Wissenschaft und mentalen Komponenten einen gesunden Lebensstil zu etablieren und langfristig zu leben. In Ihrer Akademie bietet sie Gesundheitsaus- und -weiterbildungen an und teilt ihr Wissen in verschiedenen Vorträgen und Seminaren.

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